Illustration zur Entlastung knapper Fachkapazität im Handwerk durch die Automatisierung administrativer Routine

Warum die großen Zahlen oft falsch verstanden werden

In Debatten werden fünf unterschiedliche Größen vermischt:

BegriffWas er bedeutetWas er nicht bedeutet
KI-ExpositionTätigkeiten eines Berufs können durch KI beeinflusst werden.Der Beruf fällt weg.
AutomatisierungspotenzialEine Tätigkeit wäre technisch automatisierbar.Die Umsetzung ist wirtschaftlich, rechtlich oder praktisch sinnvoll.
ArbeitsstundenEin Teil der heutigen Arbeitszeit könnte anders organisiert werden.Im gleichen Umfang werden Stellen gestrichen.
ProduktivitätssteigerungMit gleichem Einsatz entsteht mehr oder schnellere Leistung.Der Vorteil ist in jedem Unternehmen gleich hoch.
ArbeitsplatzabbauDie Zahl der Beschäftigten sinkt tatsächlich.Jede freigesetzte Tätigkeit führt automatisch dazu.

Wer diese Größen trennt, erkennt schnell: Eine Studie über automatisierbare Tätigkeiten beantwortet nicht direkt die Frage nach künftigen Arbeitslosenzahlen.

Was sagen seriöse Studien tatsächlich?

ILO: Jeder vierte Beschäftigte ist irgendwie exponiert

Die Internationale Arbeitsorganisation untersuchte 2025 fast 30.000 Tätigkeiten und ordnete Berufe nach ihrer Exposition gegenüber generativer KI ein. Weltweit arbeitet demnach etwa jeder vierte Beschäftigte in einem Beruf mit irgendeiner GenAI-Exposition. Nur 3,3 Prozent der globalen Beschäftigung liegen in der höchsten Expositionskategorie.

Entscheidend ist die Schlussfolgerung der Autoren: Weil die meisten Berufe Tätigkeiten enthalten, die weiterhin menschliche Beteiligung benötigen, ist Transformation wahrscheinlicher als der vollständige Ersatz ganzer Jobs. Besonders stark betroffen sind Büro- und Verwaltungsberufe; körperliche und situationsabhängige Tätigkeiten sind weniger direkt durch generative KI ersetzbar.

IAB: 38 Prozent arbeiten in Berufen mit hohem technischen Potenzial

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung berechnete für den technologischen Stand 2022, wie viele berufstypische Kerntätigkeiten vollständig durch Computer oder computergesteuerte Maschinen erledigt werden könnten.

38 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiteten in einem Beruf, in dem mindestens 70 Prozent der Kerntätigkeiten als technisch substituierbar galten. 2019 waren es 34 Prozent.

Diese Zahl klingt dramatisch, ist aber keine Entlassungsprognose. Das IAB betont selbst: Technische Machbarkeit bedeutet nicht, dass eine Tätigkeit tatsächlich ersetzt wird. Kosten, Qualität, Flexibilität, Recht, Ethik und betriebliche Organisation können gegen die Umsetzung sprechen. Das Potenzial wird in der Praxis außerdem nicht vollständig ausgeschöpft.

OECD: Risiko, Exposition und Beschäftigung entwickeln sich nicht gleich

Die OECD kommt für die untersuchten Länder zu dem Ergebnis, dass 27 Prozent der Beschäftigung auf Berufe mit dem höchsten Automatisierungsrisiko entfallen. Dabei geht es nicht nur um generative KI, sondern auch um andere Automatisierungstechnologien.

Gleichzeitig beschreibt die OECD drei mögliche Wirkungen:

  1. Verdrängung: Einzelne menschliche Tätigkeiten werden automatisiert.
  2. Produktivität: Geringere Kosten oder höhere Leistung erhöhen die Nachfrage nach anderen Tätigkeiten.
  3. Neue Aufgaben: Einführung, Überwachung und Nutzung der Technik schaffen neue Arbeit.

Welche Wirkung überwiegt, hängt von Unternehmen, Branche, Nachfrage und Umsetzung ab. Deshalb lässt sich aus dem Automatisierungsrisiko keine feste Zahl künftiger Arbeitsplatzverluste ableiten.

Studienvergleich: gleiche Frage, unterschiedliche Messgrößen

QuelleBezugsjahr / PerspektiveZentrales ErgebnisDaraus folgt nicht
ILO 2025globale GenAI-Exposition1 von 4 Beschäftigten mit gewisser Exposition; 3,3 % in höchster KategorieEin Viertel der Jobs verschwindet.
IAB 2024technische Möglichkeiten 2022 in Deutschland38 % arbeiten in Berufen mit mindestens 70 % technisch substituierbaren Kerntätigkeiten38 % der Stellen werden abgebaut.
OECD Employment Outlook 2023Automatisierungsrisiko in untersuchten Ländern27 % der Beschäftigung in Berufen mit höchstem RisikoKI allein verursacht entsprechenden Jobverlust.
WEF Future of Jobs 2025Arbeitgeberbefragung und Szenario bis 2030Unternehmen erwarten gleichzeitig Stellenabbau und viele neue RollenDas Szenario ist eine amtliche Prognose für Deutschland oder das Handwerk.

Die Zahlen widersprechen sich nicht zwingend. Sie beantworten verschiedene Fragen mit unterschiedlichen Methoden, Ländern und Zeithorizonten.

Was bedeutet das für das deutsche Handwerk?

Die Lage im Handwerk unterscheidet sich von vielen Bürobranchen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im Juni 2025 rund 3,36 Millionen Menschen in typischen Handwerksberufen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Rund 718.000 waren zwischen 55 und unter 65 Jahre alt und werden in den kommenden Jahren voraussichtlich in den Ruhestand gehen.

Offene Stellen in Handwerksberufen waren 2025 durchschnittlich 242 Tage vakant. Über alle Berufe lag der Wert bei 167 Tagen. Besonders betroffen sind unter anderem Bau- und Ausbau, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Elektro und Mechatronik.

Eine KOFA-Auswertung auf Basis von Daten der Bundesagentur für Arbeit und des IAB kommt für 2025 auf knapp 100.000 rechnerisch nicht besetzbare offene Stellen in Handwerksberufen. 59 von 115 untersuchten Handwerksberufen wiesen Engpässe auf.

Diese Zahlen sprechen nicht gegen mögliche Rationalisierung. Sie verändern aber die betriebliche Ausgangsfrage: Viele Unternehmen suchen nicht nach einer Möglichkeit, Fachkräfte abzubauen. Sie suchen nach einer Möglichkeit, mit knapper Besetzung Aufträge, Dokumentation und Verwaltung zuverlässig zu bewältigen.

Welche Tätigkeiten lassen sich im Handwerk eher unterstützen?

Hohes oder mittleres Unterstützungspotenzial

  • E-Mails und Kundenanfragen vorsortieren
  • Informationen aus Dokumenten erfassen
  • Besprechungsnotizen und Baustellenberichte strukturieren
  • Angebotsnachverfolgung vorbereiten
  • fehlende Angaben in Vorgängen erkennen
  • Standardtexte und Rückfragen entwerfen
  • Rechnungen registrieren und bekannte Daten zuordnen
  • Termin- und Aufgabeninformationen übertragen
  • Auswertungen und Berichte vorbereiten

Niedrigeres vollständiges Automatisierungspotenzial

  • tatsächlichen Zustand auf einer Baustelle beurteilen
  • Verantwortung für eine technische Ausführung übernehmen
  • unvorhersehbare Situationen vor Ort lösen
  • sensible Kundengespräche führen
  • Mitarbeiter anleiten und Konflikte klären
  • Liefer- oder Leistungsabweichungen fachlich bewerten
  • rechts-, steuer- oder zahlungswirksame Entscheidungen treffen

Auch bei administrativen Tätigkeiten bleibt häufig ein Mensch erforderlich. KI kann eine Projektzuordnung vorschlagen. Wenn zwei Baustellen gleich gut passen, muss der Prozess stoppen und die verantwortliche Person entscheiden.

Kann KI fehlende Arbeitskräfte ersetzen?

Teilweise kann sie fehlende Kapazität auffangen. Das ist etwas anderes als der Ersatz einer qualifizierten Person.

Wenn eine Projektleiterin jede Woche fünf Stunden mit dem Suchen, Übertragen und Nachfassen von Informationen verbringt, kann ein besserer Workflow einen Teil dieser Zeit reduzieren. Dadurch wird sie nicht überflüssig. Sie gewinnt Zeit für Baustellensteuerung, Kunden oder fachliche Entscheidungen.

Der Nutzen kann betriebswirtschaftlich in mehreren Formen entstehen:

  • vorhandene Mitarbeitende schaffen mehr Vorgänge,
  • Überstunden oder Rückstände sinken,
  • ein zusätzlicher Verwaltungsbedarf wird vermieden oder verschoben,
  • Fachkräfte verbringen weniger Zeit mit Büroarbeit,
  • Informationen bleiben trotz Urlaub oder Krankheit nachvollziehbar,
  • Fehler und Liegezeiten werden reduziert.

Keine dieser Wirkungen tritt automatisch ein. Sie hängt davon ab, ob der gesamte Ablauf verbessert wird und die frei werdende Zeit tatsächlich sinnvoll genutzt werden kann.

Welche neuen Aufgaben entstehen?

Auch kleine Betriebe brauchen keine neue Abteilung mit zehn KI-Spezialisten. Trotzdem entstehen Verantwortlichkeiten, die vorher nicht vorhanden waren:

  • freigegebene Einsatzfälle und Datenregeln pflegen,
  • Berechtigungen verwalten,
  • Ergebnisse stichprobenartig prüfen,
  • Fehler und Abweichungen auswerten,
  • Mitarbeiter schulen,
  • Anbieter- und Modelländerungen beobachten,
  • Workflows testen und kontrolliert ändern.

Diese Arbeit sollte nicht unsichtbar nebenher laufen. Ohne benannten Betreiber verschlechtert sich ein produktiver Prozess mit der Zeit.

Fazit: Im Handwerk geht es zuerst um Entlastung

Seriöse Forschung liefert keine belastbare Zahl, wie viele deutsche Handwerksjobs bis 2036 durch KI verschwinden. Sie zeigt aber deutlich, dass viele einzelne Tätigkeiten veränderbar sind – besonders strukturierte Büro-, Informations- und Vorbereitungsschritte.

Angesichts langer Vakanzzeiten, altersbedingter Abgänge und knapper Fachkräfte liegt der naheliegende Einsatz von KI im Handwerk nicht in der pauschalen Personalreduzierung. Sinnvoller ist es, Fach- und Führungskräfte von vermeidbarer administrativer Arbeit zu entlasten und vorhandene Kapazität besser zu nutzen.

Nächster Schritt

Beginnen Sie mit einer Tätigkeitsanalyse, nicht mit einer Stellenstreichung. Welche wiederkehrenden Arbeiten kosten Zeit, ohne dass dafür die volle fachliche Qualifikation nötig ist? Der digivia CHECK hilft, einen solchen Prozess zunächst einzuordnen.

Gut zu wissen

Häufige Fragen

Wie viele Jobs fallen in Deutschland durch KI weg?

Es gibt keine seriös belastbare feste Zahl für die nächsten zehn Jahre. Studien messen Exposition, technisches Potenzial oder Szenarien. Tatsächliche Beschäftigung hängt zusätzlich von Nachfrage, Investitionen, Regulierung, Demografie und neuen Aufgaben ab.

Sind Handwerksberufe sicher vor KI?

Kein Beruf bleibt völlig unverändert. Körperliche, situationsabhängige und verantwortliche Facharbeit ist jedoch deutlich schwieriger vollständig zu automatisieren als standardisierte Informations- und Verwaltungstätigkeiten.

Bedeutet 70 Prozent Automatisierungspotenzial, dass 70 Prozent der Stellen wegfallen?

Nein. Beim IAB bezeichnet der Wert den Anteil berufstypischer Kerntätigkeiten, die technisch automatisierbar sein könnten. Er sagt nicht, ob und wann Unternehmen sie tatsächlich automatisieren oder wie sich Beschäftigung entwickelt.

Kann KI den Fachkräftemangel lösen?

Allein nicht. Sie kann administrative Kapazität freisetzen und Wissen besser verfügbar machen. Ausbildung, Zuwanderung, gute Arbeitsbedingungen und Qualifizierung bleiben weiterhin notwendig.

Welche Tätigkeiten sollte ein Betrieb zuerst prüfen?

Häufige, regelbasierte und informationsintensive Tätigkeiten mit vielen manuellen Übergaben – etwa Datenerfassung, Zuordnung, Statuspflege oder standardisierte Kommunikation.

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Quellen und weiterführende Informationen

Die verlinkten fachlichen Angaben wurden zuletzt am 18. September 2026 geprüft.